OÖ Nachrichten

1/1994: "Zeitgeist aus der Flasche"

Bei der Internationalen Schnapsmesse bewiesen Oberösterreicher einen Riecher für Hochprozentiges
Alkohol in Verbindung mit dem Begriff "tief ins Glas schauen" verheißt meist nichts Gutes. Nicht so voriges Wochenende bei der dritten Destillata in Bad Kleinkirchheim. Je tiefer die Nase in das Schnapsglas gehalten wurde, umso größer war der Genuß. "Das Aroma allein gibt die Illusion, eine Erdbeere auf der Zunge zergehen zu lassen, in einen Gravensteiner zu beißen", schwärmt ein Experte. Es zeigte sich, daß die Oberösterreicher einen besonderen Riecher für hochprozentigen (Zeit-) Geist haben. Mit 17 Medaillen heimste Ing. Maximilian Schosser aus Buchkirchen die meisten Auszeichnungen ein. Einschenken - schwenken - riechen - ansetzen - einen Schluck über den Gaumen rinnen lassen - Aroma und Geschmack inhalieren, aus- und nachklingen lassen. Eine sinnliche Erlebniskette. Als Aperitif oder Digestiv genießt man ein Schluckerl vom Feinsten. Wer zeitgeistig unterwegs ist, dem ist auch der hochprozentige Zeit-Geist kein fremder. Man bestellt keinen simplen Obstler oder Korn mehr, sondern ordert eine Mispel, Heidelbeere, Hagebutte, Quitte, Weißdorn, Dinkel oder wie die Spezialschnäpse alle heißen. Bis zu 15 "Geister" stehen in exklusiven Lokalen zur Wahl.

Ich schnüffelte in die Schnapskunde hinein, kann nun zwar Birne als Birne und Apfel als Apfel identifizieren, aber ob Landl- oder Hoandlbirn, Elstar oder Gravensteiner entgeht meinem sensorischen Feingefühl. Doch eines wurde mir beim Verkosten klar, die Stamperl müssen weg, dienen ab nun höchstens als Veilchenvasen. Hochprozentiges gehört in ein großvolumiges Glas, das sich nach oben hin verjüngt. Nur so kann das Aroma in voller Konzentration zur Wirkung kommen. Die fruchtige Harmonie lieber im Weißweinglas kredenzen als sie in ein Stamperl zwängen.

Wie jede Kultur, hat auch die des Schnapsgenießens ihre Form, ihr Outfit. Design und Etikettierung geben dem Flaschengeist seinen künstlerischen Körper. "Leptosom" könnte man die Gefäße allesamt bezeichnen. Doch Fusel ist dem anwachsenden Fachpublikum auch in bester Aufmachung nicht mehr zu verkaufen. Die Jury-Tester ließen sich in Bad Kleinkirchheim bis zu 60 Proben täglich über die Geschmacksknospen rinnen, um unter den 900 eingereichten die besten Destillate zu ermitteln. "Die Qualität steigt, immer mehr Sondersorten werden eingereicht. Die Jury muß noch geschulter werden", zieht der Ex-Skirennläufer Wolfram Ortner, Schnapsbrenner und Organisator der Destillata, Resümee. So manche der 30 männlichen und weiblichen Testnasen tat sich schwer, Schossers einmaligen Aronia-Apfelbeerenbrand zu beurteilen, weil sie das spezielle Fruchtaroma nicht intus hatten. "Meine polnischen Pflücker brachten die Pflanze auf die Beerenplantage. Die Leute waren begeistert, der Schnaps wird ein Verkaufshit", freut sich der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) oberösterreichischer Qualitätsschnapsbrenner.

65 Medaillen und dreimal die Auszeichnung "Schnaps des Jahres" räumten die 21 oberösterreichischen Teilnehmer ab. Franz Wurm aus St. Florian/Linz, der selber für Quitte, Weichsel und Kirsche prämiert wurde: "Rund 50 Prozent unserer eingereichten Brände wurden ausgezeichnet." Die 23 ARGE-Mitglieder wollen keine Massenproduktion betreiben. "Der Schnaps gehört dorthin, wo auch das Obst zu Hause ist. Das Brennen ist ein Veredeln der Natur. Im Traunviertel brennt man verstärkt Apfel, Birne, Beeren, Kirsche und Steinobst, im Mühlviertel eher die mehligen Sorten." Und jeder hat so sein Spezialschlückerl in petto. Ob das nun Weißdorn, Quitte, Aronia, Himbeere, Hafer, Bockbier, Schlehdorn . . . ist. Je nach Herstellungsaufwand hat der Brand auch seinen Preis. Während 0,375 Liter von Apfel oder Birne ab 150 Schilling zu haben sind, müssen für Himbeere schon zwei Tausender hingeblättert werden. Schosser: "Bei unmerklichem Qualitätsunterschied geht die Preisschere weit auseinander. Es liegt am geschulten Gaumen des Konsumenten, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis auszuloten. Wir gehen mit Verkostungen an die Öffentlichkeit. Die nächste wird im März in St. Wolfgang stattfinden."

Angst, auf dem Gebrannten sitzenzubleiben, haben die Schnapsbauern keine: "Um nur ja die Lieblingssorte zu bekommen, kauft man zu früh. Der Vogelbeerschnaps etwa braucht ein Jahr, bis sich alle Geschmacks- und Duftstoffe im Alkohol lösen, er seine Aromaharmonie entfaltet."
Hut ab vor der heimischen Destillierphilosophie. Die Schnapsdrossel- Einstellung "Hauptsache, er brennt die Kehle runter" ist out. Es lebe das Genießertum! Medaillengewinner der Destillata Schnäpse folgender oberösterreichischer Brenner wurden in Bad Kleinkirchheim prämiert:

Andre Christon (Hobl) - Munderfing; Wilhelm Hirschvogel - Thening; Josef Hochmair - Wallern; Herbert Kiener - Bachmanning; Maria Kletzmayr - St. Marien; Hans Kreilmayr - Thening; Wilhelm Lang - St. Martin i. Mühlkreis; Karl Langmayr - Eferding; Josef Langwallner - Zell / Moos; Ernst Mielacher - Gunskirchen; Franz Miglbauer - Kirchham (Haferschnaps des Jahres); Ferdinand Parzmair - Schwanenstadt; Theodor Purkhart Steyr; Hans Reisetbauer - Thening; Johann Schiefermüller - Buchkirchen; Maximilian Schosser - Buchkirchen (Topinamburschnaps des Jahres); Siegfried Schrot - Alkoven; Manfred Wöhrer - Traun (Zwetschkenschnaps des Jahres); Franz Wurm - St. Florian/Linz.